Sängerfest ohne Happy-End
Vivaldis „Griselda“ im Wuppertaler Opernhaus
Premiere am 16.1.2026
Die Begeisterung des Publikums wuchs mit der Länge der Aufführung. Was kann uns eine Barockoper heute noch sagen? Wie sich zeigte, eine ganze Menge: die Probleme sind die gleichen
geblieben.
Zum ersten Mal erscheint Griselda 1350 in der letzten Novelle von Boccaccios „Dekameron“. Anders als in anderen Geschichten dieses Werks, in
denen sehr selbstbewusste Frauen auftreten und die christliche Sexualmoral ordentlich eins auf die Soutane bekommt, ist sie dort die demütige, loyale Frau, die sich die grausamsten Prüfungen
gefallen lässt, ohne zu klagen. In mehreren Bearbeitungen wurden Aspekte der Geschichte verändert, so auch in der Komposition von Vivaldi mit seinem Librettisten Goldoni im Jahr 1735.
Die Regisseurin Mathida du Tillieul McNicol ist noch einen Schritt weitergegangen. Griselda ist hier eine selbstständige und emanzipierte Frau. Die Regisseurin hat die Handlung ins Heute
geholt. Das ist gelungen, weil sich in Beziehungen und Beziehungskriegen seit früheren Zeiten nichts geändert hat. Die Oper liefert eine geballte Ladung an Ehekrieg mit Kollateralschäden, nicht
nur Irrungen und Wirrungen der Liebe, sondern Übergriffe, unfaire Spielchen, gegenseitige Verletzungen und Beleidigungen.
Die Handlung ist nicht einfach nachzuvollziehen, ist komplex mit überraschenden Wendungen. Nur einige Andeutungen: Gualtiero, CEO einer Firma, schmeißt seine Ehefrau Griselda raus. Beide haben
den Tod ihrer Tochter im Kindbett noch nicht verwunden und führen eine toxische Ehe. Dann verbindet Gualtiero sich mit der Praktikantin Costanza. Die muss sich deshalb von ihrem Geliebten Roberto
trennen. Griselda hingegen benutzt den Mitarbeiter Ottone, der sich in sie verliebt hat, sie sich aber nicht in ihn, um Rache zu üben. Dann gibt es Streit um Everardo, ihren gemeinsamen Sohn.
Eine weitere Person, Corrado, so etwas wie die Personalchefin der Firma, übernimmt immer wieder die Rolle der schlichtenden Moderatorin.
Das ist im 1. Akt, vor der Pause, noch gut zu verfolgen. Danach verwirrt sich die Geschichte weiter. Die neuen Paare kommen nicht miteinander klar, neue Bündnisse entstehen, eine Entführung als
Rettungsversuch misslingt, am Schluss wird alles wieder zurückgedreht, Gualtiero und Griselda scheinen sich wieder zu finden, ihre Zukunft ist aber äußerst ungewiss, und sie hinterlassen
verstörte und traurige Menschen. Also nicht mal ein halbes Happy-End.
Regisseurin und Bühnenbildnerin Noemi Daboczi haben diese Beziehungsverwirrung mit ständig wechselnden Konstellationen noch verstärkt. Das Ganze spielt in kleinen, wechselnden Räumen, von denen
die Personen in ihren Arien oft mehrere Türen durchschreiten, was ihre Unsicherheit verstärkt, aber auch ihre ständig wechselnden Gefühle. Selten bleibt eine Person bei ihrem Auftritt allein,
sehr oft befinden sich alle oder fast alle handelnden Personen auf der Bühne, und mehrfach findet während einer Arie eine Parallelhandlung in einem anderen Raum statt. Das ist natürlich auch
grundsätzlich ein gutes Mittel, um die doch ziemlich langen Fa-Capo-Arien (der erste Teil wird nach einem Zwischenteil wiederholt) lebendig zu gestalten.
Es scheint mir (und schien mir im Laufe des Stückes immer mehr), dass es gar nicht so wichtig ist, die verwirrende und sich ständig in andere Richtungen bewegende Handlung in allen Einzelheiten
zu begreifen. Viel wichtiger (und genussvoller) ist es, die Musik genau zu verfolgen und die emotionalen Extreme, die sich in den Arien und Duetten manifestieren, nachzuvollziehen. Und dies
ermöglichten Orchester und Sängerinnen und Sänger in hervorragender Weise, die in ihren oft langen und mehrteiligen Arien ihre jeweiligen Gefühle und deren Wechsel in wunderbarer Weise
ausleuchteten. Da ist zuerst das Orchester unter Yorgos Ziavras zu nennen, das von Anfang an die psychologische Konstellation jeder Arie und jedes Ensembles genau traf und im halb hochgefahrenen
Graben äußerst lebendig musizierte. Wichtiger Bestandteil war im Orchester die durch Theorbe und Orgel erweiterte Continuo Gruppe. Und mächtig und präzise setzten sich gegen Schluss beider Teile
Hörner (und am Schluss sogar einmal die Trompete) in Szene. Die Hörner machten dabei auch die im Text der jeweiligen Arie vorkommenden Jagd-Metapher klar, die den Text bestimmt. Ziavras gelang es
auch, die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Arien und Duette zu erfassen und über die Rampe zu bringen, Stücke oft voller Wut, Trotz und Verzweiflung. Die werden „arie parlanti“ genannt,
sozusagen sprechende Arien, ausdrucksstark und lebhaft.
Und wie diese Arien auf dieser instrumentalen Basis gesungen wurden! Das wurde vor allem vom Beginn des zweiten Teils an honoriert. Das zeigte sich vor allem gegen Ende, als das Publikum nach
einer Solokadenz mit chromatischen Anteilen von Rinnat Moriah, der Sängerin der Costanza, den instrumentalen Schluss nicht abwarten wollte und klatschte, schrie, trampelte. Die Sängerin zeigte
aber auch am Anfang des zweiten Teils ihr Können, als sie ihren Seelenzustand durch rasante Koloraturen leichtgängig zum Ausdruck brachte. Aber auch alle anderen Sänger waren auf einem ebenso
hohen unglaublichen Niveau und wurden ebenso mit Beifall belohnt. Die Altistin Sonja Runje als Griselda sang und spielte bravourös, besonders im Zusammenspiel mit ihrem Ehemann Gualtiero, der vom
schottischen Tenor Michael Gibson in allen Facetten hervorragend dargestellt wurde. Ebenso wunderbar waren Gesang und Spiel der beiden Countertenöre, dem jungen Gerben van der Werf als Roberto
und Libor Ram Mesika als Ottone, der nicht nur im hohen Falsett, sondern auch mit tieferen Tönen beeindruckte. Auf ebenso hohem Niveau sang Marianna Ortugno aus dem Opernstudio die Mediatorin
Corrado. Alle anderen waren als Gäste engagiert, ganz offenbar ein Glücksgriff der Intendanz, denn wann erlebt man schon fünf so hervorragende SpezialistInnen der alten Musik an einem Abend? Da
ist auch verständlich, dass diese Oper nur viermal aufgeführt wird. Diese Aufführung ist ein veritables Sängerfest! In der Premiere war übrigens deutlich zu spüren, dass das Publikum auf die
Leistungen der Sängerinnen und Sänger zunehmend intensiver einging und sie mit großem Beifall belohnte. Das führte dazu, dass alle ihr extrem hohes sängerisches Niveau und ihre Spielfreude noch
immer weiter steigern konnten.
Worauf also noch warten? Nur noch drei Aufführungen!
Fritz Gerwinn
Ticket- und Abo-Hotline: +49 202 563 7666
Weitere Aufführungen: 7.2., 14.2., 8.3.2026