Foto: Leszek Januszewski, Lázaro Sierra Cairo, Maria SayrachBaró, Camille Zany, Theodore Browne, Quentin Nabor
Foto: Leszek Januszewski, Lázaro Sierra Cairo, Maria SayrachBaró, Camille Zany, Theodore Browne, Quentin Nabor

Rasante Barock-Komödie 

Rameaus „Platée“ im Hagener Theater

Premiere am 26.1.2026

Nach der Premiere wollte der Beifall nicht enden. Die nicht so häufig, erst in letzter Zeit mehr gespielte Oper Rameaus über die blamierte Sumpfnymphe wurde mit großem Personalaufwand interessant und witzig inszeniert. Aber immer wieder schien auch durch, was die Götter und Halbgötter Demütigendes mit Platée anstellen, nur um ihren Obergott ins rechte Licht zu stellen.

Denn die Geschichte, die sich die Herren vom Olymp da ausgedacht haben, ist schon ziemlich gemein. Auf den ersten Blick scheint es so, als solle nur Platée getäuscht und der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber immerhin wird auch im Prolog schon gesagt, dass nicht nur die Menschen kritisiert, sondern auch die Gemeinheit der Götter ins helle Licht gestellt werden soll. Folgerichtig wehrt sich Platée am Schluss, und die Götter scheinen auch zu ahnen, was sie da angerichtet haben.

Gleich am Anfang, im Prolog, begegnen wir innerhalb einer ausgelassenen Feier etlichen antiken Personen: Thalia, der Muse der Komödie, dem betrunkenen Thespis, Dichter und Begründer der Tragödie, Momus, dem Gott des Spotts, einem Satyr, einem Anhänger des Dionysos, und Amor (weiblich) darf auch nicht fehlen. Alle feiern die Hochzeit von Jupiter und Juno, die aber platzt. Juno verlässt verärgert den Raum, weil ihr jemand Wein auf ihr Hochzeitskleid geschüttet hat. Das wird dann zwar gewaschen, färbt sich dabei komplett rot. Vorbote dessen, was Juno von ihrem notorisch fremdgehenden Ehemann zu erwarten hat? Die drei Männer beschließen daraufhin, Juno von ihrer Eifersucht zu befreien, und fassen einen absurden und grotesken Plan. Juno soll zum Schein die selbstbewusste, aber extrem hässliche Sumpfnixe Platée heiraten. Kurz vor der Trauung soll das Spektakel abgebrochen werden und Juno soll erkennen, dass ihre Eifersucht unnötig ist. Ein schwer verständlicher, schräger Plan, aber Götter können sich so etwas leisten und auch Tieferstehende demütigen. In der absoluten Klassengesellschaft zur Zeit Rameaus war das vielleicht noch eher nachvollziehbar.

Der Prolog, der eigentlich nur erklären soll, was in der folgenden Oper passiert, ist aber an diese angeklammert, indem die im Prolog auftretenden Personen in anderer Gestalt wiederkehren. Thespis wird der Götterbote Merkur, der Satyr wird zum sonst wenig bekannten Dionysos-Anhänger Cithéron, nur Momus bleibt Momus. Amor wird zu Clarine einer Begleiterin Platées, und im zweiten Akt schneit dann auch noch Thalia als La Folie, also der Wahnsinn, unerwartet ins Geschehen. Ähnlich unerwartet verursacht Clarine im ersten Akt auch noch ein heftiges Gewitter. Trotzdem bleibt der Handlungsfaden erhalten. Platée wird erzählt, dass Jupiter sich in sie verliebt habe und sie heiraten wolle, wird dann aber brutal getäuscht, weil Juno sie tatsächlich wie geplant nach der Aufdeckung des Ganzen auslacht.

Und diese Geschichte wird in Hagen von allen Beteiligten hervorragend umgesetzt. Auf der Bühne geht es oft sehr turbulent zu, mit Sängerinnen und Sängern, Tänzerinnen und Tänzern und etlichen Statisten. Alles spielt sich auch nicht in einem Sumpf, sondern in einem Hotel ab, in dem Götter und Halbgötter eher die höheren Funktionen innehaben. Das ist im 1. Akt etwas verwirrend, so dass man in der Pause doch auf einige Ratlosigkeit traf. Danach wurde aber alles gut sortiert, so dass auch die Unklarheiten vorher verständlich wurden. Das Regieteam (Anja Kühnhold, Inszenierung, Julia Katharina Berndt, Ausstattung, Giovanni de Domenico, Choreographie) hatte alles mögliche komödiantische Werkzeug ausgepackt und zum Vergnügen des Publikums auf die Bühne gebracht. So wurde Platée, die hier keine Sumpfnymphe, sondern ein Zimmermädchen ist, immer von zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern begleitet, die ihr exaltierten und plötzlichen Gefühlsausbrüche in Mimik und Gestik umsetzen. Da diese unkontrollierten Ausbrüche ein entscheidendes Kennzeichen Platées ist, waren sie sich natürlich oft keineswegs einig.

Auch Merkur als Drahtzieher des ganzen gemeinen Streichs betonte seine Wichtigkeit, indem er sich immer von vier Tänzerinnen begleiten ließ. Als er einmal unversehens allein die Bühne betrat, verließ er sie erschreckt sofort wieder, um dann würdevoll mit seiner Begleitung wieder zu erscheinen.

Viele Lacher gab es im 2. Akt, als Jupiter der Sumpfnymphe in mehrfacher Gestalt erschien, um ihre Zugewandtheit ihm gegenüber zu prüfen. Hier musste ein Tänzer in Badehose seine Muskeln zeigen, wurde dabei von göttlichem Rauch umgeben.

Die Turbulenz steigerte sich noch, als anstelle des Liebes- oder Hochzeitsgottes La Folie, also der Wahnsinn ins Spiel kam. Sie betrat in einem besonders aufwändigen Kostüm die Bühne über eine große Showtreppe und wurde von Tänzerinnen mit Federwedeln flankiert. Sie baute sich so als zweite Hauptperson neben Platée auf, zeigte dabei wohl auch, wie verrückt die ganze Geschichte ist.

Ganz oft tummelten sich sehr viele Personen auf der Bühne. Deren Szenen waren hervorragend choreographiert, bewegten sich aber manchmal bis an die Grenze der Verwirrung.

Jedenfalls steht am Ende wieder eine missglückte Hochzeit. Als Juno sieht, wen sich ihr Mann ausgesucht hat, lacht sie Platée aus und demütigt sie, muss wahrscheinlich als Göttin auch so reagieren, weil sie sich in ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht mit Leuten von weiter unten verbünden darf.

Also großes Spektakel und viel Vergnügen, aber kein billiger Klamauk, weil die Seltsamkeit der Geschichte doch das Nachdenken anregt.

Gesungen und gespielt wurde hervorragend. Als Dirigenten hatte man Nicholas Kok engagiert, einen ausgewiesenen Spezialisten für Alte Musik. Er hatte das Hagener Orchester wunderbar auf die barocke Spielweise eingestellt und fand immer die richtigen Tempi. Vor allem im zweiten Teil wurde die weite Spannweite der Komposition Rameaus, die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Stücke, sehr deutlich gemacht. Und m Ende des 2. Aktes gibt es ein interessantes Schlagzeugsolo. Entsprechend groß war der Beifall für Dirigent und Orchester.

Sehr bemerkenswert ist auch, dass das Hagener Theater fast alle Rollen mit eigenen Kräften besetzen konnte. Einzige Ausnahme war Theodore Browne in der Titelpartie, ein hoher Tenor, der seine Rolle in allen Facetten hervorragend bewältigte, auch schauspielerisch die Sumpfnymphe überzeugend auf die Bühne brachte. Auch die beiden Drahtzieher des gemeinen Streiches, Anton Kuzenok (Thespis/Merkur) und Kenneth Mattice (Satyr/Cithéron) waren auf der Bühne voll in ihrem Element. Das göttliche Ehepaar Juno und Jupiter waren bei Hyejun Melania Kwon und Dong-Won Seo mit seiner volltönenden Stimme in besten Händen. Nike Tiecke (Amor/Clarine) und Hagen-Goar Bornmann (Momus) boten überzeugende Charakterstudien, und Angela Davis als La Folie bereicherte mit ihrer facettenreichen Stimme den zweiten Teil der Oper. Tänzerinnen, Tänzer, Chor und Extrachor sangen, agierten, tanzten ebenfalls auf hohem Niveau.

Auf nach Hagen! Man kann sich auf einen gelungenen Abend freuen.

Fritz Gerwinn, 26.1.2026

Weitere Vorstellungen: 1.2., 22.2., 19.3., 2.4., 17.4., 10.5.2026